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1992/12/31 Psychogramme der Bespitzelung
DIR Mit der in Deutschland jetzt möglichen Akteneinsicht offenbaren sich fast tagtäglich neue zwischenmenschliche Tragödien....

Mit der in Deutschland jetzt möglichen Akteneinsicht offenbaren sich fast tagtäglich neue zwischenmenschliche Tragödien.

Rund 500.000 DDR-BürgerInnen spitzten ihre Ohren und schärften ihre Augen im Dienste des "Ministeriums für Staatssicherheit. Zuletzt waren 100.000 aktiv, genug, um Berge von Informationen und Vermutungen über DDR-BürgerInnen zu horten. Lienhard Wawrzyn geht es nicht darum, anhand von Statistiken,technischen Details und sonstigen harten Fakten die Organisation der Staatssicherheit (Stasi) aufzuzeigen. Ihm geht es darum, Einblick zu geben, wie und warum DDR-BürgerInnen zum Spitzel geworden sind, mit welcher Einstellung sie ihre Arbeit machten und nun rechtfertigen.

Als grobe Typologie zählen für ihn der Abenteurer, der Experte, der Listige und der Angepaßte. So mancher bespitzelte Bürger wurde selbst als Spitzel geworben und zurechtgebogen. Als Belohnung erhielten sie Geld, Luxuswaren und konnten sich bei Schwierigkeiten mit den normalen Behörden der helfendenHand aus dem Hintergrund sicher sein.

Von den Angestellten der Stasi wurden die Spitzel als "Blaue" bezeichnet und genossen kein allzu großes Ansehen. Als ein Führungsoffizier eine von ihm geführte Spitzelin heiraten wollte, machten ihm die Vorgesetzten die Hölle heiß. Der Führungsoffizier blieb hart und wurde in die tiefste Provinzversetzt und mit einem Beförderungsstopp bestraft.

Wawrzyn befragte sowohl einige Spitzel als auch ihre Opfer, sowie Mitarbeiter der Abteilungen, die den Briefverkehr kontrollierten und Abhöraktionen machten, beides nach dem damals geltenden DDR-Recht illegal. Der Autor stellt fest, daß die Stasi als wuchernder Bürokraten-Apparat nur viel Aufwandfür wenig Erfolg lieferte. In zehn Jahren Postkontrolle, bei der Westspione gesucht wurden, ging bloß ein einziger "Spion" ins Netz: eine alte Frau, die ihrem alkoholkranken Sohn im Westen helfen wollte (der sich allerdings schon zu Tode gesoffen hatte, denn auch die West-Geheimdienste arbeiten beider Anwerbung von Spitzeln mit unsauberen Methoden).

Die Ergebnisse der Tiefeninterviews werden ergänzt durch geraffte Information über Aufbau und Tätigkeit des Ministeriums für Sicherheit, den operativen Vorgang, die konspirative Wohnungsdurchsuchung, die operative Personenkontrolle und ein kleines Lexikon der Stasi-Sprache. Übrigens: Meiden Sie"Musikzimmer", denn das waren von der Stasi zum Abhören vorbereitete Zimmer in den Interhotels.

Lienhard Wawrzyn, Der Blaue - Das Spitzelsystem der DDR, Verlag Klaus Wagenbach Berlin 1990, ISBN 3-8031-2180-9, 164 Seiten, DM 15.-




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