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1991/12/31 Das technisierte Sozialamt
DIR Sozialverträgliche Technikgestaltung in der kommunalen Sozialverwaltung
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Sozialverträgliche Technikgestaltung in der kommunalen Sozialverwaltung

Das technisierte Sozialamt ist die Charakterisierung der Bedingungen und Folgen des mittlerweile in vielen kommunalen Sozialämtern vollzogenen Übergangs von Batch-Verfahren zu Online-Verfahren. Das Forschungsprojekt Technisierung des Verwaltungshandelns im Bereich kommunaler Sozialverwaltung derUniversität Osnabrück hatte durch die finanzielle Unterstützung des Programms "Sozialverträgliche Technikgestaltung" des Landes Nordrhein-Westfalen die Möglichkeit, zu dieser vorläufig letzten Technikimplementation eine bürger- und mitarbeitergetragene Konzeption sozialverträglicherTechnikgestaltung zu entwickeln.

Nach zweijährigen intensiven Forschungen und vielen Vorarbeiten mußten die Autoren feststellen, daß der Ertrag über zwanzigjähriger Erfahrung mit Technik im Sozialamt und deren vorläufig letzte Stufe niederschmetternd ist:

Die Technisierung kommunaler Sozialhilfe ist an den selbstgesteckten Zielen rationalerer und rationellerer Verwaltung, humanerer Arbeit und mehr Bürgerfreundlichkeit vorbeigelaufen. Das Online-Verfahren in der Sozialhilfe beschert den Sachberarbeiterinnen und Sachbearbeitern zwar in der Regel einenBildschirm auf ihren Arbeitsplätzen und darüber hinaus eventuell auch eine moralische Statusverbesserung, doch der Kern der Sachbearbeitung in der Sozialhilfe - die dort zu leistende Vermittlung der Ansprüche von in Not geratenen Bürgerinnen und Bürgern mit den gesellschaftlichen Normen über einmenschenwürdiges Leben - wird davon nicht tangiert.

Leider ist auch der Bericht der beiden Autoren W.Ehlert/H.D.Kantel als niederschmetternd einzustufen.

Statt in einer klaren Sprache und anhand konkreter Fakten (Namen, Verhältnisse und Umfeld) die untersuchten Sozialämter zu beschreiben, werden diese (ihre Entscheidungsträger und die vorhandene edv-technische Realisierung) immer nur in anonymisierter, verallgemeinerter und damit nivellierender Formdiskutiert.

Obwohl es sich hier um ganz konkrete Sozialämter in Kommunen des Landes Nordrhein-Westfalen handelt, ist bloß von der Stadt A, von der Stadt B, einem "Pionier der Sozialtechnisierung", von den Sachbearbeitern größerer und kleinerer Kommunen in unterschiedlichen Gesprächskreisen die Rede. Statt derBeschreibung eines konkreten Online-Verfahrens wird äußerst allgemein vom Übergang vom Batch- auf den Online-Betrieb gesprochen. Die Autoren bringen das "Kunststück" zuwege, obwohl sie praktisch eine rein deskriptive Studie liefern, keinen einzigen Entscheidungsträger, keine einzige Stadtverwaltung,keine einzige EDV-Lösung beim Namen zu nennen.

Warum das geschieht, bleibt dem Rezensenten verborgen. Ist es falsch verstandene Wissenschaftlichkeit? (Motto: Wissenschaftlich ist eine soziologische Aussage nur dann, wenn sie nicht mehr in der konkreten Realität identifizierbar ist)

Oder ist es falsch verstandener Datenschutz? Immerhin werden die meisten Sozialtechniklösungen, wenn auch sehr weitschweifig und indirekt, dafür jedoch umso allgemeiner, als gescheitert bezeichnet?

Erschwert wird der Zugang zu den wenigen Kerninformationen durch eine mehr als 80 Seiten lange Einführung in das soziologische Begriffs- und Theoriesystem der Autoren. Dabei orientieren sich die Autoren wesentlich an den durch Luhmann vor mehr als 20 Jahren geschaffenen Begriffsapparat. EinePassage, die extrem mühsam lesbar, trotz ihrer Länge keinen vollständigen und befriedigenden Einblick in das theoretische Konzept der Autoren erlaubt. Nach der Ansicht des Rezensenten wäre dieser Abschnitt des Buches schmerzfrei zu streichen gewesen, bzw. es hätte das Dreizeilen-Bekenntnis, daß sichdie Autoren als LUHMANN-Schüler verstehen, genügt. Daher wird dem potentiellen Leser empfohlen, sofort bei Seite 83 mit der Rezeption zu beginnen.

Wiking Ehlert u. Heinz-Dieter Kantel, Das technisierte Sozialamt, Westdeutscher Verlag 1991, ISBN 3-531-12214-2, 292 Seiten, DM 43.-




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