rating service  security service privacy service
 
1991/12/31 Roman Hummel, Die Computerisierung des Zeitungmachens
DIR Ein Buch zur Frage, was letztlich überbleibt von dem griffigen Slogan einer "Mikroelektronik im Dienste der Menschheit"....

Ein Buch zur Frage, was letztlich überbleibt von dem griffigen Slogan einer "Mikroelektronik im Dienste der Menschheit".

In einer Medienlandschaft, deren Aktualität sich mittlerweile via Live-TV-Szenerie einschlagender Mittelstreckenraketen zur Perversion gesteigert hat, liegen die Printmedien scheinbar schon hoffnungslos abgeschlagen. Aber auch hier Konkurrenzkampf, es geht nicht um Minuten, aber doch um Stunden. Wasder renommierte deutsche Zeitungsverlag Gerd Bucerius' schmerzlich zur Kenntnis nehmen mußte: der Angriffsbefehl von George Bush war zwar rechtzeitig zur "prime time" im amerikanischen Fernsehen, für die Ausgabe der ZEIT vom Freitag, den 18. Jänner kam jedoch alles zu spät. Ihre Schlagzeilen warenSchnee vom vergangenen Jahr. Kein Wort vom Big Bang in Bagdad, man konnte förmlich spüren, wie die Kolumnisten noch jede Verbindlichkeit vermieden. Wohl in der Ahnung, am Tag danach möglicherweise weitab vom realen Geschehen zu stehen.

Wie diese Konkurrenz um die letzten News im Zeitungssektor sich innerbetrieblich - in den Redaktionen und im Druckgewerbe - auswirkt, hat Roman Hummel in diesem Forschungsbericht untersucht - sachlich und völlig unspektakulär, mit dem Handwerkszeug des Sozialwissenschaftlers. DreizehnTageszeitungen, elf Wochenzeitungen, sechs Verlagen und siebzehn Druckereien Österreichs wurde über ein Jahr lang auf den Zahn gefühlt, Arbeitsabläufe der Betriebsangehörigen wurden ebenso analysiert wie das Endprodukt - mitsamt seinen Druckfehlern.

Denn hinter den Fassaden der Verlagsanstalten veränderte eine lautlose Revolution die Produktionsbedingungen des Mediums Zeitung. Die technisch komplexen Funktionen von Satzerstellung und Druck wurden mehr und mehr automatisiert und wichen schrittweise der Verarbeitung von Information in ihrerreinen, immateriellen Form: reduziert auf nichts mehr, als elektrische Signale, ob aus Fernschreiber oder Telefax, von Computerportables in einer Telefonzelle oder von elektronischen Archiven, internationalen Datenbanken.  All das wird beliebig transferierbar und transformierbar, und - wohl daswesentliche - bis zur letzten Minute aktualisierbar. Die Zeitspanne vom Redaktionsschluß zum Andruck sinkt von Stunden auf weniger als zehn Minuten.

Trotz alldem: Wäre da nicht die - aufgrund ihrer Qualifikation selbstbewußte und gewerkschaftlich gut behauptete - Berufsgruppe der graphischen Facharbeiter im Zuge der technologischen Entwicklung unter die Räder gekommen, diese Veränderungen hätten wohl nicht mehr Beachtung gefunden, als etwa derEinzug der Personal-Computer im Büro. Was in unserer Alltagsrealität fast unbemerkt zur neuen Routine wird - vom Bankomat an der Ecke bis zur Computerkasse im Supermarkt - ist hier einmal in einem Berufsfeld unter das Skalpell sozialwissenschaftlicher Analyse geraten. Folgewirkungen der Technologiewerden aus dem beruflichen Alltag herauspräpariert und so sichtbar und interpretierbar.

Die traditionellen Tätigkeiten des Journalisten - Recherche, Verfassen, Redigieren - lösen sich auf, werden erweitert um neue Anforderungen, wie etwa typographische Kenntnisse im Umgang mit Integrierten Texterfassungssystemen. Nicht immer zum Vorteil des Produkts: nicht nur Information, auch Fehlerpflanzen sich schneller fort. In frommer Technikgläubigkeit und vertrauend auf Korrektur- und Wortabteilungsprogramme angelsächsischer Provenienz verzichtete man etwa bei einer Tageszeitung mit großem Horizont ab sofort auf das Korrektorat. Womit die Behauptung, Intelligenz könne man kaufen, Lügengestraft wurde - denn den grammatikalischen Fußangeln der deutschen Sprache war die Korrektursoftware offenbar nicht ganz gewachsen: die Zahl der Silbentrennungsfehler stieg auf das siebenfache und die der orthographischen Fehler auf das achtfache an.

Doch liegen die Probleme nur vordergründig in der Einführung neuer Technologien. Eine Integration, Erleichterung, Effizienzsteigerung der Arbeit durch intensivere Automation wäre ja prinzipiell positiv zu bewerten. Gleichzeitig verschärfen sich aber damit latent vorhandene Probleme im Bereich derFirmenhierarchie und Organisation - Streß und Überforderung auf der einen, verstärkte Kontrolle und Druck auf der anderen Seite. Die Steigerung der Produktivität der Mitarbeiter führt praktisch nie zu äquivalenten Erleichterungen im Arbeitsausmaß. Produktionsstrukturen und -zwänge stehen dementgegen. Diese Zweischneidigkeit neuer Technologien illustriert auch die Analyse Roman Hummels.

Wer sich aber über die sozialwissenschaftliche Analyse hinaus detaillierte Einblicke in die Niederungen und Abgründe der österreichischen Zeitungslandschaft erwartet, wird wohl enttäuscht sein - Firmenvoyeurismus wird hier nicht betrieben.

Die Prinzipien personen- bzw. firmenbezogenen Datenschutzes werden fraglos übererfüllt: Namen werden kaum genannt, lange muß man suchen, um die untersuchten Blätter und Verlage überhaupt erwähnt zu finden (für Ungeduldige: die Aufstellung findet sich in einer Fußnote auf Seite 56). Auch wenn dieBefragungsergebnisse in zahlreichen, zuweilen sehr trockenen Tabellen gelistet sind, eine Zusammenstellung der ökonomischen und publizistischen Eckdaten der untersuchten Medien hätte man vielleicht noch gerne gesehen. So muß man Pressehandbuch oder Statistisches Jahrbuch konsultieren, um sich einBild vom Konnex von wirtschaftlicher Macht und innovativem Potential zu machen.

Roman Hummel, Die Computerisierung des Zeitungmachens, Reihe "Studien und Berichte" 1990, Wien, Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, 272 Seiten, Paperback, öS.298.- ISBN 3-7035-0395-3




Die angezeigten Informationen und Artikel werden im Rahmen des ARGE DATEN Informationsdienstes kostenlos zur Verfügung gestellt. Alle Angaben sind sorgfältig recherchiert, es wird jedoch für die Richtigkeit keine Gewähr übernommen. Alle Angaben, Aussagen und Daten beziehen sich auf das Datum der Veröffentlichung des Artikels. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass insbesondere Links, auf Websites gemachte Beobachtungen und zu einem Sachverhalt gemachte Aussagen zum Zeitpunkt der Anzeige eines Artikels nicht mehr stimmen müssen. Der Artikel wird ausschließlich aus historischem und/oder archivarischen Interesse angezeigt. Die Nutzung der Informationen ist nur zum persönlichen Gebrauch bestimmt. Dieser Informationsdienst kann professionelle fachliche Beratung nicht ersetzen. Diese wird von der ARGE DATEN im Rahmen ihres Beratungs- und Seminarservice angeboten und vermittelt. Verwendete Logos dienen ausschließlich zur Kennzeichnung der entsprechenden Einrichtung. Die verwendeten Bilder der Website stammen, soweit nicht anders vermerkt von der ARGE DATEN selbst, den in den Artikeln erwähnten Unternehmen, Pixelio, Aboutpixel oder Flickr.

© ARGE DATEN 2000-2019 Information gemäß DSGVOwebmaster